Text zur Architekturfotografie

Architektur und Fotografie sind eine Liaison eingegangen, die inniger nicht sein könnte. So konstatiert Monika Melters eine konstitutive Grundbedingung der Architektur, nämlich dass sie ortsfest ist: Man kann nicht einfach ein Gebäude wo anders mit hinnehmen, es ist ortsfest. Insofern lassen sich Ideen und Konzepte der Architektur ausschließlich über Fotografien transportieren. Das kann man zwar auch von der Landschaft sagen, trotzdem ist Landschafts- und Archi-tekturfotografie nicht dasselbe.

Dazu Margareth Otti /3/: „Über die Fotografie wurde und wird  ein(e) Repräsentationskult(ur) der Architektur konstruiert: die „Architektur hat sich in ihr eigenes Bild verliebt.“ Über Bilder von Gebautem und Ungebautem definieren wir, was Architektur ist; die Fotografien beeinflussen unsere Wahrnehmung und Erwartungshaltung an das Gebaute, verändern die Entwurfspraktiken und nicht zuletzt den Architektenberuf und die Bauten der Zukunft.“

In der Architekturfotografie geht es in den überwiegenden Fällen um Dokumentation, sicher auch um Marketing. Im Vordergrund steht also die Abbildungsfunktion.

Will sich die Architekturfotografie aber von der reinen Ab-bildungsfunktion lösen, um in den Bereich der künstlerischen Fotografie vorzudringen, dann kann sie sich verschiedener Methoden der Abstraktion bedienen wie übrigens alle anderen Genre auch. Entscheidend aber ist, dass sie es schafft das 3-dimensionale „Motiv“ in ein 2-dimensionales „Bild“ zu transformieren und von dort zur „Struktur“ vorzudringen.

Die Transformation lautet also:

Motiv -> Bild -> Struktur

Bei August Sander wie bei den Bechers gelingt dies durch eine typologische Präsentation: einer Reihung ähnlich fotografierter Motive, bei Sander sind das die Menschen des 20. Jahrhunderts, bei den Bechers die untergehende Industriearchitektur.

Andreas Gursky ist ein Meister dieser Transformation, der sich allerdings bewusst auch der Möglichkeiten digitaler Bildbearbeitung bedient. Sein Bild Cheops 2005 ist ein beredtes Beispiel.

Die sog. „Becher-Schule“, im wesentlichen die erste Künstlerklasse von Bernd Becher an der Kunstakademie Düsseldorf, hat dieses Transformation in vielfältiger Art und Weise verinnerlicht.

Die Geschichte der Architektur ist so alt wie die Menschheitsgeschichte. Ob es der Totenkult des antiken Ägypten, die Tempel der Griechen und Römer waren, oder die Sakralbauten, die über die Jahrhunderte hinweg von dem Glauben der Menschen zeugen, die sie zu Ehren ihrer Götter erbauten. Auf der anderen Seite zeugen die Burgen, Schlösser und Regierungssitze von der Macht der Herrschenden. Heute zeugen die Hochhäuser von der Hybris des Menschen.

Architektur macht, ob als Solitärgebäude oder komplexes Stadtgefüge, einen wesentlichen Teil der kulturellen Identität einer jeden Gesellschaft aus. Die Megacities mit zum Teil bis zu 30 Mio. Menschen zeugen von Bewegungen der Menschenmassen immer auf der Suche nach Beschäftigung und einem besseren Leben. Das Ergebnis sind unüberschaubare Slums.

Der Architekt Meinhard von Gerkan: „Architektur ist, unabhängig davon, wie profan oder anspruchsvoll der Zweck ist, unabhängig davon, wem sie dient, letztlich die Gesamtheit der durch Menschenhand veränderten Umwelt und damit eine kulturelle Leistung des Menschen.“

Dazu Andreas Gursky, der mit diesem Architekturbegriff natürlich operiert: „Unser Alltag wird zu einem wesentlichen Teil durch die Architektur bestimmt, die uns Tag für Tag umgibt. […] Die Architektur schafft den notwendigen baulichen Rahmen, in dem wir uns bewegen. Ohne Architektur wäre die menschliche Gesellschaft nicht denkbar.

Definiert man Architektur über ihren Raum schaffenden Charakter und stellt man sie in den Kontext ihrer Zeit, so besteht Architektur vor allem aus einer Dualität von Raum und Zeit. Während der Raum immer einmalig ist und bleibt, ist die Zeit selbst dual: Zum einen die Zeit, in der Architektur entstand, und die Zeit, in die wir gestellt sind und Architektur rückblickend bewerten. Beides sollte man nicht verwechseln: zeitraumzeit eben.

Was sind nun die Ingredienzien der Achitekturfotografie?

Eingangs wurde schon darauf hingewiesen, dass sich künstlerische Architekturfotografie von der Abbildungseigenschaft von Fotografie lösen und die Struktur von Architektur herausarbeiten sollte.

Die beiden Beispiele unten von Tommy Pützstück und Dieter Rüge zeigen das deutlich.

Ein weiteres Beispiel der Abstraktion ist die Entkontextualisierung oder Kontextverschiebung. Architektur steht, das wurde schon ausgeführt, im Kontext ihres Raumes, ihrer Zeit, ihrer Funktionalität, ihres Zwecks und folgt damit einer Stilrichtung. Alles das mag in einer Dokumentarfotografie von Bedeutung sein.

In einer künstlerischen Architekturfotografie gilt es, sie von diesen Eigenschaften zu entkleiden. Das kann im Ergebnis darin enden, dass das Gebäude nicht mehr identifiziert werden kann.

Cheops von Andreas Gursky bleibt nicht die Cheopspyramide, sondern wird zu einem geschichteten Steinhaufen. Dazu Jan Assmann im Bildband „Andreas Gursky Architektur“ /1/: „Andreas Gurskys Bilder verfremden die sichtbare Wirklichkeit ins Ornamentale: in die schier endlose Wiederholung gleicher Elemente. Verfremdung als künstlerisches Verfahren zielt auf eine ästhetische Umpolung unserer Sehgewohnheiten. Wir scannen die Umwelt aufs Vertraute und Symbolische hin und nehmen die Dinge nicht als solche, sondern als das wahr, was sie uns bedeuten: als Formen, Zeichen und Signale.

Verfremdung hat aber noch einen anderen Aspekt. Man könnte ihn einen „Ikonoklasmus der inneren Bilder“ nennen. Wir tasten die Wirklichkeit nicht nur auf Bedeutungen hin ab, sondern tragen sie auch als innere Bilder in uns. So ruft der Begriff „Cheops“ in uns sofort das Bild der Cheopspyramide auf, das in der Antike als eines der sieben Weltwunder galt. Gurskys verfremdete Wiedergabe dieser Pyramide destruiert das innere Bild.“

Nochmals Jan Assmann: „Der Mensch lebt immer schon, soweit wir ihn zurückverfolgen können, in einer von Merkzeichen erfüllten Welt, die umso reicher und komplexer wird, je größer und komplexer die Gruppen, Gemeinschaften und Gesellschaften werden, in denen er lebt. Der Drang zur Stabilisierung manifestiert sich in der Dingwelt, mit der sich die Menschen umgeben, als Wille zur Form. Die Formenwelt der Werkzeuge und Waffen, Geräte, Keramik, Bilder und Bauten, die als materielle Spuren menschlicher Tätigkeit sich über Jahrtausende und Jahrhunderttausende zurückverfolgen lassen, ist von einer strikten Regelmäßigkeit durchwaltet, die sie nicht anders als die Formenwelt der Natur einer morphologischen Analyse zugänglich macht und das einzelne Objekt in seiner zeitlichen und räumlichen Zugehörigkeit.“ /4/

Tommy Pützstück

Dieter Rüge

Für Andreas Gursky und viele weitere Künstler ist die Serialität der Fassaden von Hochhäusern ein faszinierendes Motiv. So schreibt Hans Rudolf Reust im gleichen Bildband: „Wir kennen sie aus dem Alltag, die Wohneinheiten im rechten Winkel, die Serialität ohne Grenzen als Weltsprache aller Mieterinnen und Mieter. Hier feiert die architektronische Moderne sich selber im geometrischen Kanon, den sie wachruft.”

Architekturfotografie insbesondere natürlich die dokumentarische bezieht sich auf die Totale als eine unendliche Wiederkehr des Details. Das extrapolierte geometrische Raster der Architektur ruft eine selten enge Verbindung zwischen Abgebildeten und Abbildung hervor.

Wenn August Sander mit seinem Menschen des 20. Jahrhunderts und die Bechers mit einer untergehenden Industriearchitektur eine Serialität oder Typologie von Objekten zu erreichen versuchen, wird hier das einzelne Objekt in seine seriellen Bestandteile zerlegt.

Margareth Otti „Jenseits der Repräsentation“ /2/ sieht Architekturfotografie bis heute noch weitgehend als eine Vermarktungsmaschinerie im Dienste der Repräsentation. Sie geiselt in ihrem Beitrag die Star-Architekturen und sieht sie für einen anderen Stern als für unseren Planeten geschaffen. „Das Foto ist perfekt, wenn es die übermenschliche Perfektion der Architektur widerspiegelt, die eigentlich nicht von dieser Welt ist und die außerhalb von Raum, Zeit, Schmutz, Verfall, Maschinen, Leben, Stadt, Witterungsverhältnissen, Graffitis, Werbung, Mistkübeln, Baumängeln etc. existiert.“

Wolfgang Ahrens, Februar 2016

/1/ Beil, R., S. Feßel (Hrsgb.): Andreas Gursky Architektur. Mathildenhöhe Darmstadt: Hantje Cantz Verlag Ostfildern 2008

/2/ Otti, M.: Jenseits der Repräsentatiom. Architekturfotografie der Gegenwart. In: Fotogeschichte Heft 132, 2014, Jg. 34. S. 25 – 36

/3/ Otti, M.: Architektur und Fotografie. In: Fotogeschichte Heft 132, 2014, Jg. 34. S. 3 – 4

/4/ Assmann, J.: „Was ist das Kulturelle Gedächtnis?“, in: Ders., Religion und Kulturelles Gedächtnis, München 2000, 11-44.

Wolfgang Ahrens Miami Beach 2006
Wolfgang Ahrens Miami Beach 2006

Wolfgang Ahrens: Miami Beach 2006

Wolfgang Ahrens: Miami Beach 2006