Was eigentlich ist die Postmoderne?

Teil I

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Einleitung

Die Postmoderne, auch Zeitgenössische Kunst, auf neudeutsch Contemporary Art genannt, wird seit etwa 1960 zeitlich verortet.

Sie folgt wie der Name sagt der Moderne, die man etwa von 1860 – 1960 sieht, während man eingrenzend die Klassische Moderne eher von 1900 an rechnet.

Eines ist klar, Begriffe wie Moderne oder Postmoderne sind nicht gerade sehr aussagefähig; modern ist jede Kunst in ihrer Zeit. Da aber Bezeichnungen für Kunstepochen oft erst Jahrhunderte später gefunden werden, sollten wir uns in Geduld fassen und abwarten, wie die 100 Jahre der Moderne in 100 Jahren wohl heißen werden.

Wenn aber der Begriff der Moderne schon nicht viel zur Kennzeichnung beiträgt, dann ist der Begriff Postmoderne, die „Nach-Moderne“, auch nicht viel erhellender.

Ich denke wir sollten das den Kunsthistorikern überlassen, die sich ja schon seit geraumer Zeit daran abarbeiten.

Wenn die Kunsthistoriker eine neue Epoche ausmachen, dann müssen sich gegenüber der vorangegangenen Epoche wesentliche Ver-änderungen ergeben haben.

Werfen wir nochmals einen Blick auf die Moderne, dann kennen wir eine ganze Reihe von Stilen wie z. B. den Impressionismus, den Expressionismus, den Surrealismus usw. usw.. So verschieden sie also sind, so werden sie doch zu einer Epoche zusammengefasst. Warum spricht man dann also plötzlich von einer neuen, anderen Epoche, der Postmoderne?

Bevor wir den Versuch wagen die Postmoderne ansatzweise zu erklären, nochmals ein allgemeiner Hinweis: Auch wenn wir mit Jahreszahlen versuchen eine Epoche einzugrenzen, so trennscharf sind sie in der Tat nicht. Zu allen Zeiten gab und gibt es Überschneidungen. Um dem Ausdruck zu geben, spricht man auch gern von einer Früh∼, einer Hoch∼ oder einer Spätepoche.

Nun kennt die Postmoderne ebenfalls etliche Stilrichtungen wie z. B.

Fluxus, Konzeptkunst, Aktionskunst, Happening, Farbfeldmalerei, Informel, Minimal Art, Pop-Art, Op-Art, Body Art, Land Art, Digital Disruption, Fantastischer Realismus, Fotorealismus, Appropriation Art.

Und natürlich gibt es etliche Künstlergruppen, die von sich reden gemacht haben oder noch machen: Dazu zählen u.a. die Young British Artists, die italienischen Künstler der Arte Povera, die Künstler der Washington Color School, aber auch Künstler der Leipziger Schule, bzw. der Neuen Leipziger Schule und die Gruppe Zero.

Das Ende des Künstlers

Den „Künstler“ gibt es erst seit der Renaissance. Davor, also im Mittelalter, war der Künstler eher ein Handwerker. Fast immer wurden Bildhauer und Maler von Kirchen und zum Teil von Adeligen beauftragt. Als Kunst bezeichnete man die hier entstandenen Werke jedoch erst später, denn zunächst galten Bilder, Fresken oder Statuen als handwerkliche Arbeiten, in der Regel waren es Kult- und keine Kunstobjekte.

Die Künstler des Mittelalters signierten im Gegensatz zu den Schaffenden späterer Epochen ihre Bilder nicht, sodass viele berühmte Maler nicht bekannt sind. Doch es gab eine Vielzahl Künstler, die als Wegbereiter für den heutigen Realismus gelten. Giotto die Bondone (1266-1337) verschrieb sich beispielsweise als erster Mittelalter-Künstler der drei-dimensionalen Gestaltung, die alle nachfolgenden Kunststile prägte. Die ersten Porträts wurden später von Jan van Eyck geschaffen, Albrecht Dürer ließ das erste Selbstbildnis entstehen und die ersten Landschaftsbilder entwickelte der bekannte Maler Albrecht Altdorfer.

Der Künstler wurde zunehmend als eine von Gott inspirierte Person angesehen. Er hatte oftmals eine Ausbildung bei einem Zeit-genossen absolviert, mit dem Aufkommen von Kunstakademien auch daselbst. In Florenz entstand 1563 mit der Accademia delle Arti del Disegno, kurz Accademia genannt, die erste Akademie für Malerei in Europa. Sie stand unter der Schirmherrschaft des Herzogs der Toskana, Cosimo I. de’ Medici. Das Ausbildungsmodell der Akademie als fürstlich geförderter Kunstschule fand europaweite Nachahmung. Die Päpste richteten in Rom 1593 die Accademia di San Luca ein, der französische König zog 1648 mit der Académie royale de peinture et de sculpture nach, deren Nachfolgeinstitution, die Académie des Beaux-Arts, bis heute existiert.

Noch heute bewundern wir die großen Meister aller Zeiten, insbesondere natürlich die der Renaissance. Michelangelo hat mit seinem David ein Kunstwerk geschaffen, das in seiner Ästhetik unübertroffen ist.

Mit Beginn der Postmoderne ändert sich das von Grund auf. So propagiert Roland Barthes (1905 – 1980) den Tod des Autors, meint damit zunächst den Schriftsteller mit einer verblüffenden Feststellung: Die Kernthese seines Aufsatzes im Aspen Magazine 1967 ist, dass der Autor für die Literatur eine weitaus geringere Bedeutung habe als bisher postuliert (nämlich gar keine), und dass Sinn ganz allein vom Leser erzeugt werden kann.

Übertragen auf den bildenden Künstler heißt das, dass es nicht die Frage sein kann, die man oft genug hört, was hat sich der Künstler dabei gedacht, sondern die Frage ist, was macht das Kunstwerk mit dem Rezipienten. Für Bathes wird zuviel Bohei um den Künstler gemacht, statt sich auf das Kunstwerk zu konzentrieren.

Wenn es also auf den Künstler nicht ankommt, dann versteht man den Ausspruch von Joseph Beuys Jeder Mensch ist ein Künstler und Alles ist Kunst. Man muss wissen, dass Beuys die Postmoderne mit seiner kritischen Einstellung, seiner Sozialen Plastikeinläutete.

Beuys nutzte den Begriff, um damit seine Vorstellung einer gesellschaftsverändernden Kunst zu erläutern. Im ausdrücklichen Gegensatz zu einem formalästhetisch begründeten Verständnis schließt das von Beuys propagierte Kunstkonzept dasjenige menschliche Handeln mit ein, das auf eine Strukturierung und Formung der Gesellschaft ausgerichtet ist.

Übrigens ist er damit gar nicht so weit weg von der Aufgabe, die der Kunst im Verständnis der Nazis zukam, übrigens auch im Sozialismus.

Postmoderne Kunst ist Denkkunst nicht Sehkunst

Waren die „Handwerker“ des Mittelalters vor allem damit beschäftigt sich an christlichen Themen aus der Bibel, Heiligengeschichten etc. abzuarbeiten, lesen konnte ja die breite Gesellschaft nicht, so wurden in späteren Zeiten Kunst in den Kunstsalons, Galerien und Museen ausgestellt.

Im Zentrum der Christlichen Ikonografie (Bilderlehre) steht das Leben Jesu – von der Geburt bis zur Kreuzigung und Auferstehung. Breiten Raum nimmt der Leidensweg (Passion) ein. In diesen thematischen Zyklus gehören u. a. das letzte Abendmahl, die Gefangennahme, Jesus vor Pilatus, Geißelung, Kreuztragung, Kreuzigung, Kreuzabnahme, Grablegung und Auferstehung. Die so genannte Pietà (nach lat. pietas für Erbarmen) bezeichnet die Statue oder das Bild der trauernden Muttergottes mit dem toten Sohn – ein immer wiederkehrendes Bildmotiv.

Als eigentliche Gründerzeit der Kunstmuseen gilt der Zeitrahmen von 1830 bis 1880 („Museumszeitalter“), an die sich Kunstmuseen der Moderne anschließen.

In all diesen Einrichtungen wurde Kunst ausgestellt, Bilder hingen und hängen an Wänden und werden von einem kunstaffinen Publikum bis heute bewundert.

Mit den Kunstwerken war keine Botschaft verbunden, schon gar keine sozialkritische wie bei Beuys, ja es wurden Geschichten erzählt, Kunst war eben Sehkunst. Postmoderne Kunst ist Denkkunst!

Das Ready-Made

Marcel Duchamp hat als Künstler der Moderne mit seinem Fahrrad-Rad 1913 das erste Ready-Made geschaffen. Mit seinem Fountain (Brunnen) wurde das erste Ready-Made in der Big Show im New Yorker Grand Central Palace 1917 ausgestellt. Ready-Made ist ein Begriff, der erst in der Postmoderne so richtig verstanden wurde. Das Objekt, ein mit „R. Mutt“ signiertes handelsübliches Urinal aus einem Sanitärgeschäft, zählt zu den Schlüsselwerken der postmodernen Kunst. Ready-Made (die Fertigware) oder das Objet trouvé (der gefundene Gegenstand) im Französischen charakterisiert die Postmoderne.

Das Ready-Made ist ein weiterer Baustein, der zum Tod des Künstlers beiträgt. Somit wird einmal mehr deutlich, dass Kunst nicht mehr ein Werk eines von wem auch immer begnadeten Künstlers ist, sondern allein dadurch entsteht, dass etwas zur Kunst erklärt wird. Das ist der Grund, warum eine breite Öffentlichkeit Schwierigkeiten hat post-moderne Kunst zu verstehen.

Neben dem Ready-Made, einem Industrieprodukt, werden in der Postmoderne auch Abfälle und mehr oder weniger gefundene Bruchstücke aus Artefakten oder aus der Natur (objets trouvés) verwendet.

Das Ready-Made wird aus seinem ursprünglichen Kontext entnommen – Fountain ein ehemaliges Pissoir – und in einem anderen Kontext in die Kunst eingebracht. Und jetzt kommt das Denken ins Spiel: Was soll jetzt das am Boden liegende Pissoir sein, ein Brunnen, eine Vagina? Vermutlich werden die Rezipienten unterschiedliche Interpretationen finden und jede hat ihre Berechtigung.

Was denken Sie?

Eine wesentliche Eigenart dieser Materialien im Gegensatz zu den Utensilien, die Künstler sonst verwenden, ist, dass sie inhaltlich besetzt sind und diese Eigenart auch in einem neuen, künstlerischen Kontext beibehalten. Was man sagen kann, ist, dass eine Kontextverschiebung stattgefunden hat. Das Pissoir von Duchamp befindet sich eben nicht mehr an der Wand einer Herrentoilette, sondern liegt am Boden einer Ausstellung. Was tut es da?

Der Beitrag des Künstlers bei Verwendung dieser Materialien zeigt sich nicht mehr in seiner persönlichen Handschrift und schon gar nicht mehr an seiner Könnerschaft, beim Maler z. B. der Pinselstrich, sondern besteht „nur“ noch in der Auswahl und der Fügung zu einem Kunstwerk. Dabei kann man 3 Fügungen unterscheiden:

  1. die Collage
  2. die Montage
  3. die Assemblage,

also in der Art und Weise wie die Teile miteinander verbunden sind z.B. durch Verkleben, Schweißen, Schrauben etc..

Das Kunstwerk auf Raumsuche

Postmoderne Kunst ist vor allem Objektkunst. Natürlich gibt es genügend Künstler, die nach wie vor für die Wand arbeiten und trotzdem gilt, postmoderne Kunst ist Objektkunst und begnügt sich weder mit einer Wand im Museum, sondern befindet sich auf dem Weg von der Wand in den Raum. Katharina Grosse, Kunstprofessorin an der Düsseldorfer Kunstakademie, reicht selbst ein einzelner Raum nicht, ihre Kunst beansprucht – wenn schon denn schon – das ganze Museum. In der Land Art reichen selbst Museen nicht zur Wiedergabe des Kunstwerks.

Materielle vs. mediale Wirklichkeiten

Postmoderne Kunst versucht uns die Augen zu öffnen für die Frage, in welcher Welt wir eigentlich leben, noch in einer materiellen oder schon in einer medialen Wirklichkeit? Das Fernsehen, der Film, das Smart-phone verändern uns, die Gesellschaft, in einem Maße, deren Konsequenzen wir noch nicht absehen können. Die Auswüchse erleben wir täglich,

Das ist aber kein Kunstproblem, sondern ein gesellschaftliches!

Klaus Kowalski unterscheidet 3 Welten:

  1. die sichtbare Wirklichkeit, in der wir schon immer lebten und leben,
  2. das manuell hergestellte Kunstbild als eine besondere, individuelle Form der Auslegung von Wirklichkeit und
  3. das mediale, massenweise produzierte Bildmaterial für ein Massen-publikum.

Wird fortgesetzt.

Wolfgang Ahrens, im Februar 2018

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